Graphemik des Klassischen Maya

Vortrag

Am 8. April 2016 hält das Projekt einen Vortrag im Rahmen der Tagung „Ägyptologische ‚Binsen‘-Weisheiten III: Formen und Funktionen von Edition und Paläographie altägyptischer Kursivschriften“ (vom 7.-9. April) an der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Der Titel des Vortrages ist „Graphemik des Klassischen Maya: Die digitale Dokumentation und Epigraphie eines nichtalphabetischen Schriftsystems“, die Autoren sind Christian Prager und Sven Gronemeyer. Eine Anmeldung zur Tagung ist über die Webseite des AKU-Projekts erforderlich.

Zusammenfassung

Die Hieroglyphenschrift der Maya ist das einzig autochtone, voll phonetische Schriftsystems der Amerikas. Es weist einen Zeichenbestand von rund 800 Graphemen auf, die auf insgesamt zirka 10,000 Inschriftenträgern zu zu finden sind, die zwischen 300 v.Chr. und 1500 n.Chr. datieren. Mit Hilfe des Maya-Kalenders lassen sich die meisten Inschriften auf den Tag genau datieren, wodurch sich Sprach- und Schriftstadien oder Varietäten bestimmen und die räumlichen und zeitlichen Dimension kartieren lassen. Die Texte enthalten überwiegend historische Inhalte über die Könige, die einen gottähnlichen Status besaßen und um die Vorherrschaft im Maya-Tiefland konkurrierten. Die systematische lautliche Entzifferung ihrer Botschaften gelang erst in diesem Jahrzehnt, ist aber bis heute nicht abgeschlossen: während die Inhalte der meisten Texte verständlich sind, wiedersetzen sich etwa 40% aller Grapheme noch einer phonetischen Lesung, so dass wir die Texte bisher nur zu 70% sprachlich lesen können. Ein weiteres Verständnisproblem ergibt sich, weil die Sprache der klassischen Maya nicht überliefert ist. Sie kann nur aus dem Vergleich der 30 heute noch gesprochenen Mayasprachen rekonstruiert werden. Vieles vom kulturellen Vokabular ist als Folge der europäischen Kolonisation verloren gegangen. Dennoch sind die Entzifferung der Hieroglyphentexte und die Rekonstruktion der in ihr enthaltenen Sprache die notwendige Voraussetzung für ein besseres Verständnis der Maya-Kultur, der Geschichte ihrer Königsdynastien und ihrer Religion überhaupt.

Das Projekt “Textdatenbank und Wörterbuch des Klassischen Maya” der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste verfolgt mehrere Ziele bei der Erschließung der hieroglyphischen Textzeugen, die eine Vielzahl von Herausforderungen technischer und fachwissenschaftlicher Natur stellen. Grundlage ist die Zusammenstellung aller Textträger in einer Metadatenontologie und eines Korpus aller Texte in maschinenlesbarer Form. Diese korpusbasierte Arbeitsweise erlaubt es, Morpheme räumlich und zeitlich zu verfolgen und sie im Kontext zu analysieren. Mit diesen Informationen kann ein Wörterbuch erstellt werden, welches auch die Originalschreibung und eine Konkordanz berücksichtigen kann. Ein großes Problem unserer Arbeit bleibt die Entzifferung im Prozess. Für die Analyse haben wir ein mehrstufiges Beschreibungs- und Analysemodell entwickelt, das auf der Grundlage von XML realisiert und die Vielschichtigkeit der Mayaschriftforschung abbildet. Neben Klassifikation und Transliteration der Zeichen, erfolgt die linguistische Analyse der Morpheme, wobei hier das Problem berücksichtigt werden muss, dass neue Ergebnisse on the fly ergänzt werden bzw. alternative Interpretationen zur Hypothesenprüfung erfasst werden müssen. Dies betrifft nicht nur phonetische oder semantische Lesungen, sondern auch die Isolierung neuer Grapheme in einem Zeichenkatalog, der derzeit in Arbeit ist. Wir möchten Ihnen mit unserem Vortrag einen Einblick in unsere Projektarbeit geben, Probleme unserer Forschung aufzeigen und Lösungen anbieten, die nicht nur für die Mayaschriftforschung, sondern auch für benachbarte Disziplinen von Interesse sein dürften.