Problemfelder

Dokumentation

Bis heute gibt es kein vollständiges Verzeichnis der bekannten Texte oder ein Archiv, das der Forschung zur Recherche bereitsteht. Bestehende Archive sind unvollständig und nur sehr partiell digitalisiert und daher auch nur an ihrem Standort zu konsultieren. Wünschenswert wäre ein vollständig digitalisiertes Archiv im Internet, das alle bekannten Inschriften erfasst und für die Forschung zugänglich macht. Die Re-Kontextualisierung von Inschriftenträgern unbekannter Herkunft ist ein weiteres Desiderat. Mit Hilfe des EDV-gestützten Textkorpus ließen sich paläographische und inhaltliche Vergleiche durchführen die es erlauben würden, die Herkunft der Artefakte einzugrenzen und ihren historischen Kontext zu rekonstruieren.

Entzifferung

Weite Teile der Maya-Inschriften sind zwar lesbar, doch der Prozess der Schriftentzifferung ist noch immer nicht abgeschlossen, da die Lesung vieler Wort- und Silbenzeichen bislang noch nicht gelungen ist. Darüber hinaus können bestimmte Zeichenfolgen zwar lautsprachlich gelesen werden, entziehen sich jedoch der Übersetzung, da die entsprechenden Korrelate in den heutigen Mayasprachen oder deren kolonialzeitlichen Varianten noch nicht identifiziert wurden. Diesem Defizit will das Projekt mit sorgfältigen etymologischen Forschungen und linguistischen Analysen begegnen. Hinzu kommt das Problem, dass bisherige lexikalische Listen häufig auf falschen Lesungen basieren und folglich inkonsistente Interpretationen erzeugt worden sind.

Eine korpusbasierte Überprüfung von Lesungshypothesen ist daher ein wichtiges Desiderat. Hierzu muss das Zeicheninventar der Mayaschrift vollständig erfasst sein und laufend aktualisiert werden, sobald Inschriftenfunde mit bislang nicht erfassten Zeichen das Gesamtkorpus ergänzen. Zeichenklassifikationen sind besonders bei Schriftsystemen, deren Entzifferung noch nicht abgeschlossen ist, ständig auf ihre Konsistenz zu überprüfen. Da die bisherigen Kataloge in vielen Bereichen unvollständig und fehlerhaft sind, ist die Erarbeitung eines neuen dynamisch angelegten digitalen Zeichenkatalogs dringend notwendig.

Schriftsystem

Die Struktur des Schriftsystems ist nur oberflächlich bekannt. Die Rekonstruktion der Konventionen nach denen sich ein Schreiber richtete, steht erst in den Anfängen. Die Kontroverse um die Bedeutung und Funktion vokalharmonischer und -disharmonischer Schreibungen sowie der Funktion von phonetischen Komplementierungen von logographischen Zeichen hat die Debatte um orthographische Konventionen in den letzten Jahren beherrscht. Der Debatte liegt die Frage zu Grunde, ob und in welcher Form die Maya Vokallängen und Vokalqualitäten in der Schrift repräsentierten. Die Diskussionen berücksichtigen jedoch nicht die Dynamik des Schriftsystems. Sie erfassen bislang weder räumliche noch zeitliche Aspekte von Schrift- und Sprachphänomenen.

Verschiedene Hypothesen über die Konventionen des Schriftsystems beruhen auf unzureichenden sprachlichen Lesungen. Untersuchungen zur geographischen Verteilung, die Rückschlüsse auf intrakulturelle oder diastratisch bedingte Varietäten zuließen, wurden bislang nicht unternommen. Veränderungen der Zeichenformen, des Zeichenbestands, allomorphe Schreibungen oder die Kriterien, nach denen Zeichen im Block angeordnet wurden, sind bisher unzureichend beschrieben und analysiert. Forschungslücken sind auch auf dem Gebiet der Paläographie evident. Bislang liegt hierzu nur eine Arbeit von Alfonso Lacadena vor, die jedoch nur ausgewählte Beispiele aus dem Textkorpus behandelt. Eine umfassende paläographische Zeichenliste, wie sie etwa für das Sumerische von René Labat vorliegt, wurde bislang noch nicht erstellt und ist ein dringendes Forschungsdesiderat.

Sprache

Eine umfassende Sprachbeschreibung des Klassischen Maya steht noch aus. Sie ist bis jetzt noch nicht erfolgt, weil grundlegende Kenntnisse über die Phonologie (zum Beispiel über Vokalqualitäten), über morphophonemische Prozesse (zum Beispiel die Veränderung von Vokallängen in bestimmten Kontexten), über den Bereich der Verbmorphologie und ihr Tempus/Aspekt/-Modus-System, über die Bedeutung von Adverbien und Deixis fehlen. Wir können daher auch wichtige Entwicklungen innerhalb der Mayasprachen, wie etwa die Entstehung von Teilergativität, noch nicht nachvollziehen.

Diskursgrammatische Untersuchungen sind bislang erst an wenigen Texten unternommen worden. Auch die literarischen Genres und ihre sprachlichen Manifestationen sind nur exemplarisch erforscht worden. Das Verhältnis von gesprochenen Sprachen zur Schriftsprache und die Prozesse der Innovation innerhalb des Klassischen Maya sollten in Relation zu historischen, sozialen und kulturellen Prozessen analysiert werden. Der Eindruck, dass das Schriftsystem im Tiefland zu einem bestimmten Zeitpunkt weitestgehend homogen gewesen sei, basiert häufig auf punktuellen Untersuchungen und muss im Rahmen umfangreicher Textanalysen verifiziert oder falsifiziert werden. Auch steht die Rekonstruktion der Sprachgeographie und Soziolektik des klassischen Mayatieflands noch in ihren Anfängen, da vertiefende Studien aufgrund eines fehlenden Lexikons des Klassischen Maya bislang noch nicht durchgeführt werden konnten.

Lexikographie

In Bezug auf das Lexikon des Klassischen Maya sind verschiedene Ansätze gemacht worden Wörterlisten und Wörterbücher zu kompilieren. Diese sind jedoch unvollständig, fehlerhaft und dekontextualisiert; sprachliche Lesungen bleiben häufig unbegründet. Das entscheidende Defizit ist jedoch das Fehlen eines Vorkommensnachweises, der nicht nur alle Texte – einschließlich noch nicht entzifferter Passagen – erfasst, sondern auch ihre originale hieroglyphische Schreibung abbildet und alphanumerische Transkriptionen bereitstellt. In den bisherigen katalogartigen Bestandsaufnahmen von hieroglyphischen Ausdrücken fehlen morphologische und grammatikalische Analysen der gelesenen hieroglyphischen Ausdrücke, zeiträumliche Referenzen, Erläuterungen zum kulturellen Kontext, Begründungen zur Übersetzung sowie bibliographische Angaben zu Vorarbeiten.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die Varietäten und Entwicklungen von Lexikon, Grammatik und Schrift anhand der bislang existierenden Wörterbücher nicht nachzuzeichnen sind. Ebenso wenig ermöglichen sie Einblicke in die Kontexte, in denen sprachliche Ausdrücke verwendet wurden. Die zur umfassenden Erforschung von Schrift und Sprache erforderliche Interaktivität zwischen Textkorpus und analytischem Wörterverzeichnis findet sich in keinem der bislang publizierten Wörterbücher oder –listen.