Zeichentypen und Kataloge

Aufbau

Aufgrund des ikonischen Charakters der etwa 650 Zeichen wird das Schriftsystem der Maya als Hieroglyphenschrift bezeichnet. Typologisch handelt es sich jedoch um ein logo-syllabisches Schriftsystem, in dem es zwei Zeichenklassen gibt, Silbenzeichen und Logogramme.

Logogramme stehen für konkrete sprachliche Begriffe und verweisen mit wenigen Ausnahmen immer nur auf ein Denotat. Der zunehmende Einfluss von Vernakularsprachen hat die Polyvalenz von Zeichen in der Endklassik begünstigt (Lacadena und Wichmann 2002). Die zweite Zeichenklasse sind Vokal- und Silbenzeichen, die offene Silben repräsentieren. Sie dienten zur silbischen Schreibung lexikalischer und grammatischer Morpheme. Darüber hinaus fanden sie als vorangestellte oder angehängte phonetische Komplemente von Logogrammen Verwendung.

Dadurch war es möglich, Wörter ausschließlich mit Silbenzeichen oder nur mit Logogrammen zu schreiben. In der Regel wurden Logogramme und Silbenzeichen miteinander kombiniert. Eine ausgeprägte kalligraphische Komplexität der Texte wurde vor allem durch allographe Notation und mittels allomorpher Repräsentation von Zeichen erreicht. Dies erlaubte den Schreibern, Texte ästhetisch anspruchsvoll und ohne die Wiederholung von Zeichen zu verfassen. Für häufig verwendete Silben gab es mindestens zwei oder mehr Zeichen; dies erklärt den recht hohen Anteil von Silbenzeichen (ungefähr 200) an den etwa 650 Graphemen der Mayaschrift.

Schriftzeichen wurden so miteinander kombiniert, dass sie nahezu rechteckige Blöcke bildeten, wobei ein solcher Hieroglyphenblock wahrscheinlich der emischen Idee eines Wortes entspricht. Meistens werden diese Blöcke paarig in Doppelkolumnen von links nach rechts und von oben nach unten gelesen. Aus der Kombination der auf unterschiedliche Satzteile verweisenden Hieroglyphenblöcke miteinander entstanden Sätze. Mehrere Sätze wurden zu komplexen Texten zusammengefügt, deren Syntax und Textstruktur jener modernen Maya-Sprachen ähneln.

Zeicheninventare

Von elf Vorschlägen für die Inventarisierung und Systematisierung der Zeichen der Mayaschrift haben sich nur die Transkriptionskonventionen und Zeichennomenklaturen von Günter Zimmermann für die Handschriften und Eric Thompson für alle Quellengattungen durchsetzen können. Thompson stellte ein Inventar von 862 Zeichen zusammen, das trotz fehlerhafter Klassifikationen, Doppelverzeichnungen und Unvollständigkeit des Textbestands bis heute das Standardreferenzsystem für Mayahieroglyphen darstellt.

Nikolai Grubes Untersuchungen zu diesem Zeicheninventar ergaben, dass von Thompsons 862 klassifizierten Graphemen rund 200 allographe Schreibungen sind, so dass sich das Gesamtinventar der Mayaschrift von 862 auf etwa 650 Zeichen reduzieren lässt. Auf die gleiche Anzahl kam Martha Macri, die vor gut zehn Jahren ein alternatives Klassifikationssystem vorschlug, das sich in der Maya-Forschung aufgrund von Unvollständigkeit, Falschklassifikationen und Fehldeutungen allerdings nicht etabliert hat.

Während die bisher publizierten Zeichenkataloge überwiegend einfache Vorkommensnachweise und Konkordanzen der Grapheme enthalten, sind im Zuge der sprachlichen Entzifferung Nachschlagewerke mit Lesungsvorschlägen der einzelnen Grapheme publiziert worden, die den jeweils bis zur Drucklegung aktuellen Entzifferungsstand mit bibliographischen Referenzen dokumentieren.